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Prozessmanagement hat sich über Jahrzehnte weiterentwickelt und doch ist an vielen Stellen das Verständnis der achtziger Jahre vorherrschend, als man damit lediglich Arbeitsanweisungen und (Qualitäts-)Managementsysteme erstellt hat. Aber wer kennt sich heute wirklich aus? Wer ist auf der Höhe dieser Disziplin. BPM-Zertifizierungen geben Hinweise.

Es lässt sich vortrefflich über den Sinn und Unsinn von Zertifizierungen streiten. Auch wir stehen weder auf der einen noch der anderen Seite der Diskussion. Der Inhaber eines BPM-Zertifikats muss nicht zwangsläufig ein BPM-Profi sein, aber auch ohne Zertifikat muss man nicht zwangsläufig ahnungslos sein. Und dennoch, wenn man die Arbeitsweise des Gegenüber noch nicht kennt, beweisen sie zumindest, dass der Zertifikatsträger sich mit dem Thema Prozessmanagement intensiv beschäftigt hat. Ohne Zertifikat ist dies nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

Der BPM-Zertifizierungsmarkt im Überblick

Der Markt für BPM-Zertifikate teilt sich im Wesentlichen wie folgt auf:

Typ A: ‘Kompetenz-Zertifikate’ verliehen von einer Zertifizierungsstelle – wir nennen Sie Kompetenz-Zertifikate -, deren Mitglieder in der Regel organisationsübergreifend, meist auch länderübergreifend einen Wissenskanon definiert haben, auf Grundlage dessen eine Prüfung abgelegt und nach erfolgreicher Prüfung das Zertifikat ausgestellt wurde. Das Ziel dieser Zertifizierungs-Angebote ist es, eine gute Ausbildung zu bieten, insbesondere aber ein gemeinsames, umfängliches Verständnis zum Thema Prozessmanagement auszubilden. Hierzu gehören zum Beispiel:

  • Zertifikate der ABPMP: CBPA, CBPP und CBPL
  • Zertifikate der OMG: OCEB2 Fundamental, Intermediate oder Advanced in der Business- oder Technical- Ausprägung
  • Zertifikate der Deutschen Gesellschaft für Prozessmanagement: (Prozess-Assistent/-in, Prozessmanager/-in, Senior-Prozessmanager/-in)

Typ B: ‘Schulungs-Zertifikate’ verliehen von einer Bildungseinrichtung, deren Prüfungsinhalte vorwiegend durch eine kleine Gruppe oder gar Einzelpersonen bestimmt wurden. Einzelne Professoren oder Beratungsunternehmen sind die inhaltlichen Gestalter. Die Prüfung erfolgt dann auf Basis der Prüfungsordnung der Bildungseinrichtung. Das Ziel dieser Zertifizierungs-Angebote ist es, eine gute Ausbildung zu bieten, insbesondere aber Schulungsteilnehmer zu akquirieren. Hierzu gehören zum Beispiel:

Typ C: ‘Hochschul-Zertifikate’ verliehen von einer Kooperationen zwischen Hochschule und Bildungseinrichtung oder Beratungsunternehmen. Die inhaltliche Gestaltung erfolgt meist durch einen Lehrstuhl und meist auf Grundlage ausgewählter Monografien. Aber in Abgrenzung zu Studiengängen erfolgt die Vermittlung meist durch die Bildungseinrichtung und wird lediglich durch die Hochschule oder nur deren Reputation unterstützt. Eine inhaltliche Tiefe wird erarbeitet, eine wissenschaftliche Breite kann aber vorwiegend nicht vermittelt werden. Das Ziel dieser Zertifizierungs-Angebote ist es, eine gute Ausbildung zu bieten, insbesondere aber die Finanzierung der Lehrstuhltätigkeiten zu unterstützen. Hierzu gehören zum Beispiel:

Typ D: ‘Produkt-Zertifikate’ verliehen von Organisationen, die Zertifizierungen als Nebengeschäft betreiben. Hierzu zählen zahlreiche Software-Hersteller, aber auch Organisationen, die bestenfalls am Rande das Thema Prozessmanagement streifen. Das Ziel dieser Zertifizierungsangebote ist es, eine gute Ausbildung zu bieten, insbesondere aber den Verkauf des eigentlichen Produktes durch Vermittlung von Fähigkeiten zu unterstützen. Hierzu gehören zum Beispiel:

Bewertung der BPM-Zertifizierungen

Wir gehen davon aus, dass – unabhängig vom Zertifikat und damit einhergehende Prüfungsvorbereitungen – alle Angebote geeignet sind, um relevante Inhalte zu vermitteln und den Zertifikatsträger zu qualifizieren.

Speziell der Typ D Produkt-Zertifikate vermitteln aktuelle, sofort anzuwendende Detailinformationen, um in einem konkreten Projekt qualifiziert mitwirken zu können. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich vorwiegend um produktbezogenes Feature-Wissen handeln, welches als Grundlage für die Zertifizierung verlangt wird. Kurze Rezertifizierungszyklen sind die Folge, um aktuelles Wissen für aktuelle Produktversionen nachweisen zu können.

Bei Typ C Hochschul-Zertifikaten ist tendenziell davon auszugehen, dass hier eine “bestimmte Lehre” vermittelt wird, da hier sehr hochschul-fokussiert Inhalte zur Zertifizierung angeboten werden. Wenngleich mit einem theoretischen Tiefgang zu rechnen ist, wird eine Erörterung in wissenschaftlicher Breite eher die Ausnahme sein. Darüber hinaus, ist gründlich zu prüfen, ob die vermittelten und abgefragten Inhalte einen praktischen Nutzen vermitteln. Theoretischer Tiefgang ist in der Wissenschaft sicher wünschenswert, in der beruflichen Praxis muss die Anwendbarkeit aber sichergestellt sein.

Typ B Schulungszertifikate werden dann inhaltlich wertvoll sein, wenn auch die dahinter stehende(n) Person(en) fundiert im Thema Kenntnisse und Erfahrungen besitzen. So kann es sein, dass man eine hervorragende Vermittlung praxisrelevanter Inhalte erfährt. Aufgrund der wechselnden Verantwortlichen für solche Bildungsangebote kann dies aber nicht als dauerhaftes Qualitätsversprechen und somit für eine werthaltige Zertifizierung sprechen.

Typ A Kompetenz-Zertifikate haben aufgrund ihrer Natur ein Interesse daran, auf Basis eines übergreifenden Wissens-Kanons nachhaltige, etablierte Praxiskonzepte zu vermitteln. Somit eignen sich diese Zertifizierungen nicht, um kurzfristig nachzuweisen, dass man ein bestimmtes Feature beherrscht, geben aber einen Rahmen, um langfristig Souveränität im Thema Prozessmanagement zu erlangen und vor allem zu behalten. Nötiges theoretisches Rüstzeug und eine Vermittlung etablierter Ansätze für die Praxis, weisen nach, dass der Zertifikatsinhaber über umfassendes fachliches und praxisrelevantes Know-how verfügt. Auch wenn dies nicht immer den letzten Stand der Wissenschaft beinhaltet. Die zu diesen Typen zugehörigen Zertifizierung der ABPMP und OMG lässt sich nachfolgend feststellen:

ABPMP Zertifizierung

Die Association of BPM Professionals oder ABPMP ist Zertifizierungsstelle für die folgenden drei BPM-Zertifikate. Für alle Zertifizierungen stellt der BPM CBOK den gemeinsamen Wissensfundus dar.

  • Certified Business Process Associate (CBPA®) – Diese erste Stufe ist für Personen gedacht, die möglicherweise noch nicht mit dem Beruf der Geschäftstransformation vertraut sind. Es soll Fachleute eine breite Basis an Fähigkeiten und Verständnis anerkennen, wobei Einzelpersonen möglicherweise über einige Erfahrung in diesem Bereich, aber nicht über die vollständigen vier Jahre praktischer Erfahrung verfügen, die für die zweite Stufe der Zertifizierung notwendig ist. Der CBPA® ist dabei die Basiszertifizierung von BPM.
  • Certified Business Process Professional (CBPP®) – Diese zweite Stufe richtet sich an Personen mit Erfahrung und Praxis in BPM und weist Wissen und Fähigkeiten zur Anwendung von BPM CBOK®– Konzepten und -Techniken nach, die zur Verbesserung des Geschäftsbetriebs und zur Ermöglichung einer organisatorischen Transformation verwendet werden.
  • Certified Business Process Leader (CBPL ®) Die BPM-Zertifizierung wurde von anerkannten Executive Level BPM-Experten entwickelt, um das Niveau der Fähigkeiten und Kompetenzen in verschiedenen Bereichen der Unternehmenstransformation zu testen. Die Zertifizierung soll die Beherrschung aller BPM-Bereiche testen und umfasst Fragen zu allen Phasen des Business Transformation Lifecycle sowie Fragen zur Strategieumsetzung und zum Einsatz von BPM-Technologien.
BPM CBOK Deutsche Ausgabe
BPM CBOK Deutsche Ausgabe

Weitere Informationen auch unter www.abpmp.de

In Summe sind die Zertifizierungen der ABPMP eher als ProzessMANAGEMENT-Zertifizierung zu betrachten. Obwohl auch die Inhalte der anderen Zertifizierungen inhaltlich vorkommen, liegt der Schwerpunkt deutlich auf praxiserprobten Ansätzen zum Management von Prozessen.

OMG-Zertifizierung

Die OMG hat im Rahmen der BPMN-Entwicklung eines Zertifizierungsprogramm namens OCEB bzw OCEB2 aufgelegt und ist Zertifizierungsstelle für die folgenden Zertifikate:

OCEB Fundamental – Die BPM 2 Fundamental-Prüfung ist Voraussetzung für die BPM Intermediate- und Advanced-Prüfungen und testet das Wissen einer Person über grundlegende Geschäftskonzepte und -begriffe, Geschäftsmotivation und -planung, Geschäftsprozesse und -management, BPMN-Elemente, Analytic Conformance Class, Descriptive Conformance Class, Prozessqualität, Governance- und Metrik-Frameworks. Mit einer BPM 2 Fundamental-Zertifizierung ist eine Person qualifiziert, ein produktives und verantwortungsbewusstes Mitglied eines BPMN-Projektteams auf geschäftlicher oder technischer Seite zu sein.

OCEB Intermediate (Business oder Technical) – Die BPM 2 Business Intermediate-Prüfung ist Voraussetzung für die BPM Business Advanced-Prüfung und testet das Wissen einer Person über BMM (Influencer, Assessments und Modellierungsszenarien), fortgeschrittene BPM-Bereiche (Vorteile eines gemeinsamen unternehmensweiten Vokabulars, wie es von Semantics of Business Vocabulary bereitgestellt wird, und Business Rules v1.5-Ansatz) und Geschäftsprozessmanagement-Wissens- und -Fähigkeitsbereiche (Key Performance Indicators, Geschäftsaktivitätsüberwachung, Prozesssimulation und -optimierung und Modellierung der Kapitalrendite) sowie Branchen-Frameworks für Prozessqualität, Metriken und Governance und Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Die BPM Technical Intermediate-Prüfung ist Voraussetzung für die BPM Technical Advanced-Prüfung und testet das Wissen einer Person über die Eigenschaften und Fähigkeiten von BPM-Suiten, fortgeschrittene BPMN-Modellierung, Workflow-Muster, Aspekte von Geschäftsregeln, Architekturthemen (z. B. serviceorientierte Architektur und Modell- getriebene Architektur), IT-Infrastruktur und Geschäftsprozesse einschließlich Branchen-Frameworks sowie Überwachung und Verwaltung von Prozessen.

OCEB Advanced (Business oder Technical) – Die BPM Business Advanced-Prüfung testet das Wissen einer Person über die Ausrichtung von BPM an Unternehmenszielen und -ressourcen, fortgeschrittene Geschäftsprozessmodellierung, Management von BPM-Programmen, fortgeschrittenes Änderungsmanagement, Compliance und Sicherung sowie fortgeschrittene Themen in der Prozessverbesserung. Mit einer BPM Business Advanced-Zertifizierung ist eine Person qualifiziert, eine große BPM-Projektimplementierung aus geschäftlicher Sicht zu leiten, die Geschäftsleitung bei der Anwendung und Optimierung von Geschäftsprozessen zu beraten, um strategische Ziele zu erreichen, sowohl visionäre als auch praktische Geschäftsanleitungen für große Unternehmen bereitzustellen. Die BPM Technical Advanced-Prüfung testet das Wissen einer Person zu fortgeschrittenen Themen zur Sensibilisierung für Geschäftsprozessmanagement, fortgeschrittene Geschäftsprozessmodellierung, Modellierungs- und Metamodellierungskonzepte, Unternehmensarchitektur, Themen zu Geschäftsregeln, Implementierung und Integration, Anbieterauswahl und Themen zum Tool-Marktplatz. Mit einer BPM Technical Advanced-Zertifizierung ist eine Person qualifiziert, ein großes BPM-Automatisierungsprojekt zu leiten, die Geschäftsleitung bei der Automatisierung und Überwachung von Geschäftsprozessen zu beraten, um strategische Ziele zu erreichen und Anforderungen an Governance, Risikomanagement und Compliance zu erfüllen, sowohl visionäre als auch praktische technische Lösungen bereitzustellen. (Quelle: OMG, https://www.omg.org/oceb-2/)

Zertifizierungspfade der OMG
Zertifizierungspfade der OMG

Die OCEB2 Zertifizierungen der OMG sind in Summe eher als PROZESSmanagement-Zertifizierung zu betrachten. Auch hier werden Inhalte andere Zertifizierungsverfahren inhaltlich betrachtet, der Schwerpunkt liegt aber hier auf den Modellierungssprachen und möglicher Implementierungen. Der übergeordnete ProzessMANAGEMENT-Ansatz im Sinne einer strategischen Disziplin wird nicht ins Zentrum der Prüfung genommen.

Welches BPM-Zertifikat ist das richtige für mich?

Jakob Freund, Geschäftsführer der camunda services GmbH, Autor einer ersten Version des BPM CBOKs sowie influencing member der OMG, schrieb bereits im Jahr 2010 in einem XING-Forum wie folgt: “[ABPMP und OMG-Zertifizierungen] unterscheiden sich in bestimmten Punkten, z.B. erfordert CBPP den Nachweis von BPM-Praxiserfahrung (ähnlich PMI), ist aber anders als OCEB bislang nicht mehrstufig aufgebaut. Die [..] ABPMP [wird] von ehrenamtlichen geführt und über die Mitgliedsbeiträge von vorrangig Privatpersonen finanziert, was gegenüber der Vendor-Finanzierung der OMG diverse Vor- und Nachteile mit sich bringt. In Bezug auf die Prüfungsinhalte spielen Modellierungstechniken wie BPMN, BMM etc. in der CBPP-Prüfung nur eine kleine Rolle, es geht dort mehr um prinzipielle Fragen in der Anwendung von BPM, die auch teilweise ganz schön ins Eingemachte gehen. [..]” (Quelle: XING)

Anmerkung: Die erwähnte Mehrstufigkeit hat mittlerweile auch die ABPMP eingeführt. So bietet die ABPMP wie oben erwähnt drei Zertifikate an.

Welches Zertifikat das richtige ist, lässt sich wie so häufig nur mit “es kommt darauf an” beantworten. Einige Kriterien könnten sein:

  • Aktualität der Inhalte
  • Wissenschaftlicher Tiefgang/ Neueste Erkenntnisse
  • Halbwertzeit der Inhalte
  • Sofortige praktische Anwendbarkeit
  • Bereitschaft zum zeitlichen Invest
  • u.v.am.

BPM-Zertifizierungen, die wir empfehlen

Als Methodenberatung vertritt MINAUTICS die Ansicht, dass ein nachhaltiges Prozessmanagement in der Praxis auf einem guten methodischen Fundament aufbauen sollte. Hierzu sind nicht zwangsläufig die letzten wissenschaftlichen Erkenntnisse nötig aber schaden tun sie nicht. Eine reine Fokussierung auf sich schnell verändernde Tools und Features ist aber unzureichend, wenngleich man schon mal ein paar Tools gesehen haben sollte, um deren Anwendbarkeit besser bewerten zu können. Ganz lesenswert hierzu ist übrigens auch der englischsprachige Artikel auf TechTarget “Top 10 business process management certifications for 2022

Wir empfehlen denjenigen, die sich operativ mit dem Thema BPM beschäftigen wollen, die international anerkannten Kompetenz-Zertifikate (Typ A) der ABPMP oder OMG ins Auge zu fassen. Beratern, die häufig in konkreten Projektsituationen eingesetzt werden, sind ebenso Produkt-Zertifizierungen (Typ D) zu empfehlen, um den Nachweis zu haben, dass man sofort wirksam sein kann. Für andere Interessensgruppen wie Projektleiter, Führungskräfte etc. können je nach inhaltlicher Ausgestaltung auch Schulungs- oder Hochschulzertifikate (Typ B und C) sinnvoll sein.

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